Das MPIE von 1917 - heute: Institutsgeschichte

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11: Neue Herausforderungen - Die Sanierung des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung zur Jahrtausendwende

„Das vergangene Jahr hat für die Zukunft des Instituts bedeutsame Entscheidungen mit sich gebracht. Im Zuge der Berufungsaktivitäten in den Bereichen Oberflächentechnik und Umformtechnik zeichnete sich ab, daß das Institut nur dann hervorragende neue Wissenschaftler berufen kann, wenn die Infrastruktur der vorhandenen Gebäude, die 63, 40 und 34 Jahre alt sind, grundlegend erneuert wird.“[1]
Wie in einem Stahlwerk kochen und gießen die Wissenschaftler des Instituts Stahlproben, um diese anschließend zu untersuchen, 2004. Bild vergrößern
Wie in einem Stahlwerk kochen und gießen die Wissenschaftler des Instituts Stahlproben, um diese anschließend zu untersuchen, 2004.
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Mit diesen Worten fasste das Max-Planck-Institut für Eisenforschung (MPIE) seine Situation kurz vor der Jahrtausendwende zusammen. Nachdem infolge der Stahlkrise ein Investitionsdefizit eingetreten war und ein erheblicher Rückgang der Mitarbeiterzahlen stattgefunden hatte, konnte das MPIE in seinem Jahresbericht für 1998 einen Wendepunkt in dieser Entwicklung der letzten anderthalb Jahrzehnte vermelden.

Aufgrund jahrelanger massiver Budgetkürzungen infolge der Stahlkrise befand sich das Institut gegen Ende der 1990er Jahre in einer schwierigen Lage. Dem MPIE war zwar in einer Stellungnahme des Wissenschaftsrates zur außeruniversitären Materialwissenschaft aus dem Jahr 1996 eine hervorragende Arbeit bescheinigt worden, gleichzeitig wurde aber angemerkt, dass wichtige Themen der modernen Stahlforschung nicht bearbeitet würden und zudem ein thematisches Grundkonzept nicht ausreichend erkennbar sei. Der Wissenschaftsrat betonte die dringend notwendige Erhöhung der Anzahl wissenschaftlicher Planstellen. Daneben seien Investitionen erforderlich, um die zum Teil veraltete Ausstattung des Instituts wieder auf den gegenwärtigen Stand der Technik zu bringen.[2]

 Die Gesellschafter des Instituts standen also vor der Entscheidung, entweder das Institut ganz zu schließen oder aber massiv in eine grundlegende Sanierung des Instituts zu investieren. Sowohl die Stahlindustrie als auch die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) bekannten sich in dieser entscheidenden Situation klar zum Institut und zu dessen Bedeutung.[3] Nach Durchführung detaillierter Bestandsaufnahmen beschlossen der Verein Deutscher Eisenhüttenleute (VDEh) und die MPG beträchtliche Beträge für eine Institutserneuerung bereitzustellen.[4] Die voraussichtlichen Gesamtkosten in Höhe von etwa 20 Millionen Euro sollten zu gleichen Teilen vom VDEh und der MPG übernommen werden. Vorgesehen war dabei nicht nur eine Sanierung sämtlicher Institutsgebäude, sondern auch die Ausstattung der Laboratorien mit den modernsten Technologien.[5]

 Im Jahr 1999 begannen in einer ersten Sanierungsphase die Arbeiten am Hauptgebäude, das bereits 1994 unter Denkmalschutz gestellt worden war.[6] Während der Sanierungsmaßnahmen musste ein großer Teil des Instituts in ein Container-Dorf umziehen, wobei fast alle experimentellen Gerätschaften in den Werkstattbereichen unterkamen. So konnte, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, die Institutsarbeit fortgesetzt werden.[7] Die Einweihung des sanierten Hauptgebäudes wurde am 6. Februar 2002 gefeiert. Die Arbeiten an den übrigen Gebäuden fanden in einer zweiten und dritten Sanierungsphase statt und dauerten noch bis Mai 2008 an.[8]

Direktor Dierk Raabe blickt in die Probenkammer der neuen Atomsonde, mit der atomweise der Aufbau der winzigen Kristalle in Metallwerkstoffen entschlüsselt werden kann, 2009. Bild vergrößern
Direktor Dierk Raabe blickt in die Probenkammer der neuen Atomsonde, mit der atomweise der Aufbau der winzigen Kristalle in Metallwerkstoffen entschlüsselt werden kann, 2009.
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Neben der Sanierung erfolgte auch eine institutionelle Umstrukturierung der Institutsleitung. Seit dem Jahr 2002 bilden alle wissenschaftlichen Mitglieder und der kaufmännische Geschäftsführer des MPIE eine gemeinsame Geschäftsführung mit einem Vorsitzenden und einem Stellvertreter. Der Vorsitz wechselt dabei unter den wissenschaftlichen Mitgliedern nach einer mehrjährigen Rotation. Der erste Vorsitzende nach dieser Neuordnung wurde 2002 Martin Stratmann, der Leiter der Abteilung Grenzflächenchemie und Oberflächentechnik.[9] Stratmann, „gewohnt eine Brücke zu schlagen zwischen erkenntnisorientierter und bedarfsorientierter Forschung“, wurde darüber hinaus im Juni 2014 Präsident der MPG, was auch eine Auszeichnung für das ganze Institut bis heute darstellt.[10] Zuvor hatte Stratmann bereits zwischen 2006 und 2008 als Vorsitzender der Chemisch-Physikalisch-Technischen Sektion und ab dem Jahr 2008 als Vizepräsident der MPG umfangreiche forschungspolitische Erfahrungen gesammelt.

Parallel zu den Sanierungsarbeiten und zur Neuorganisation der Institutsleitung änderte sich die Arbeit am Institut nochmals grundlegend. Um sich den Gegebenheiten des modernen Wissenschaftsbetriebs stellen zu können, musste die Forschungsarbeit des MPIE eine verstärkt interdisziplinäre und internationale Ausrichtung erhalten. Zusätzlich zu den hochspezialisierten Abteilungen und ihren Forschungsgruppen traten nun verstärkt bestimmte Forschungsbereiche auf, etwa die Entwicklung von Struktur- und Funktionsmaterialien oder die Analyse und Verbesserung der Stabilität von Oberflächen und Grenzflächen, welche einem starken Wettbewerb innerhalb der Wissenschaften unterlagen und damit für das Institut von besonderem Interesse waren. Durch die interdisziplinäre Ausrichtung wurden eine effizientere Nutzung der Institutsausstattung und die Schärfung eines einheitlichen Forschungsprofils des MPIE angestrebt.[11]

Das MPIE gliederte sich zu diesem Zeitpunkt in die fünf Abteilungen Grenzflächenchemie und Oberflächentechnik, Werkstoffdiagnostik und Technologie der Stähle, Mikrostrukturphysik und Umformtechnik, Computergestütztes Material-Design und Werkstofftechnik.[12]

Letztlich bedeuteten sowohl die baulichen als auch die organisatorischen Maßnahmen gewissermaßen die Rettung des MPIE. Die 1998 begonnenen und in der Folgezeit weitergeführten Maßnahmen stoppten den mit der Stahlkrise begonnenen Abwärtstrend. Parallel zu den Sanierungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen nahmen auch die Mitarbeiterzahlen des MPIE wieder deutlich zu. Nachdem 1998 nur noch 107 Mitarbeiter am Institut beschäftigt waren, stieg deren Zahl bis 2002 auf 172 und im Jahr 2008 sogar auf 270 an.[13]


[1] Max-Planck-Institut für Eisenforschung GmbH Düsseldorf: Jahresbericht 1998, Düsseldorf 1999, S. 1.

[2] Flachowsky, Sören: Von der Wagenburg der Autarkie zu transnationaler Zusammenarbeit. Der Verein Deutscher Eisenhüttenleute und das KWI/MPI für Eisenforschung 1917-2009, in: Maier, Helmut; Zilt, Andreas; Rasch, Manfred (Hrsg.): 150 Jahre Stahlinstitut VDEh 1860-2010, Essen 2010, S. 706.

[3] Nach Auskunft von Dr. Michael Rohwerder.

[4] MPIE: Jahresbericht 1998, S. 1.

[5] Max-Planck-Institut für Eisenforschung GmbH: Scientific Report 2001/2002, Düsseldorf 2002, S. 4.

[6] Max-Planck-Institut für Eisenforschung GmbH Düsseldorf: Jahresbericht 1994, Düsseldorf 1995, S. 110; MPIE: Scientific Report 2001/2002, S. 27.

[7] Max-Planck-Institut für Eisenforschung GmbH Düsseldorf: Annual Report 2000, Düsseldorf 2000, S. 3.

[8] Max-Planck-Institut für Eisenforschung GmbH: Scientific Report 2007/2008, Düsseldorf 2008, S. 14.

[9]  Flachowsky, Sören: Das Max-Planck-Institut für Eisenforschung Düsseldorf; in: Gruss, Peter; Rürup, Reinhard (Hrsg.): Denkorte. Max-Planck-Gesellschaft und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: Brüche und Kontinuitäten 1911-2011, Dresden 2010, S. 128-135, S. 134; MPIE: Scientific Report 2007/2008, S. 11.

[10] „Martin Stratmann wird neuer Präsident der Max-Planck-Gesellschaft ab 2014“, in: https://www.mpg.de/7292724/mpg-praesident-2014_stratmann (25.11.2016).

[11] MPIE: Scientific Report 2007/2008, S. 13.

[12] Ebd., S. 12.

[13] Flachowsky: Von der Wagenburg der Autarkie zu transnationaler Zusammenarbeit, S. 706; MPIE: Scientific Report 2001/2002, S. 136; MPIE: Scientific Report 2007/2008, S. 4.

 
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