Das MPIE von 1917 - heute: Institutsgeschichte

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06: Bombenschäden, Auslagerung nach Clausthal und Kriegsende

Im Sommer 1943 wurde das Kaiser-Wilhelm-Institut für Eisenforschung (KWIE) im Rahmen zweier schwerer Bombenangriffe der Alliierten auf Düsseldorf getroffen.

In der Nacht des 11./12. Juni 1943 wurden Beamtenwohnhaus und Magnetlaboratorium durch die Bombardierung vollständig zerstört, während die übrigen Gebäude erhebliche Beschädigungen erlitten. Einige Wochen später wurde die Eingangsseite des Hauptgebäudes am 22./23. August 1943 durch eine weitere Bombe getroffen.[1]

Nach dem großen Bombenangriff 1943: Aufgrund der erheblichen Bombenschäden, wie hier am Hauptgebäude, wurde der größte Teil des Instituts an die Bergakademie Clausthal ausgelagert. Bild vergrößern
Nach dem großen Bombenangriff 1943: Aufgrund der erheblichen Bombenschäden, wie hier am Hauptgebäude, wurde der größte Teil des Instituts an die Bergakademie Clausthal ausgelagert.
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Aufgrund dieser erheblichen Zerstörungen wurde der größte Teil des Instituts an die Bergakademie Clausthal im Harz verlagert. Rund ein Viertel der Belegschaft sollte in Düsseldorf verbleiben und mit dem Wiederaufbau beginnen. Bis zum Sommer 1944 konnte die Arbeit in Clausthal notdürftig wiederaufgenommen werden, während das Laboratorium für Erzaufbereitung, das technologische Laboratorium, der größte Teil des metallurgischen Laboratoriums und Teile des Festigkeitslaboratoriums in Düsseldorf verblieben. Die Aufspaltung des Instituts machte jedoch eine effektive Arbeit unmöglich.[2]

Wegen Benzinknappheit war man bei der Verlagerung an die Bergakademie Clausthal auch auf „tierische Hilfsmittel“ angewiesen. Bild vergrößern
Wegen Benzinknappheit war man bei der Verlagerung an die Bergakademie Clausthal auch auf „tierische Hilfsmittel“ angewiesen.
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Im Juli 1944 verstarb Institutsdirektor Friedrich Körber. Die Leitung übernahm nun der Physiker und Werkstoffwissenschaftler Franz Wever. Er war zugleich Oberstleutnant der Luftwaffe, SA-Sturmführer, NSDAP-Mitglied und erhielt die Position nach einer positiven Beurteilung durch den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS.[3] Nach einem weiteren schweren Bombenangriff am 3. November 1944, bei dem das Institut mehrere Volltreffer erlitt und die elektrische Zentrale vollständig zerstört wurde, entschied Wever, auch die restlichen Abteilungen nach Clausthal zu verlagern.[4]

Die Bergakademie Clausthal, unter deren Dach das KWIE eine vorläufige Unterkunft fand. Bild vergrößern
Die Bergakademie Clausthal, unter deren Dach das KWIE eine vorläufige Unterkunft fand.

Bei der Verlagerung des Instituts kamen neben deutschen Arbeitskräften auch osteuropäische Zwangsarbeiter beim Waggonausladen zum Einsatz. Es existieren Hinweise darauf, dass Zwangsarbeiter schon zuvor beim KWIE beschäftigt worden waren, genaue Zahlen oder nähere Einzelheiten zur Art des Arbeitseinsatzes sind jedoch nicht bekannt. In einem Arbeitsbericht für das Jahr 1943, den das KWIE im April 1944 für das Wissenschaftsministerium verfasst hatte, wird angegeben, dass im Berichtszeitraum neun weitere ausländische Arbeiter eingestellt worden seien. Daher muss von einer höheren Zahl von Ausländern ausgegangen werden.[5]  

Am 12./13. April 1945 wurde Clausthal schließlich von amerikanischen Truppen eingenommen. Kurz darauf wurden Akten und Geräte des KWIE beschlagnahmt und das Institut von den Alliierten aufgrund seiner herausragenden Stellung unter den eisenhüttenmännischen Forschungseinrichtungen Deutschlands als „principal target“ eingestuft.[6] Die Mitarbeiter wurden daher ausführlich befragt, und es wurde ein Arbeitsverbot für das Institut verhängt. Direktor Wever wurde aufgrund seiner Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus interniert. Albert Vögler, der Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) und Vorsitzende des KWIE-Kuratoriums, entzog sich am 14. April 1945 einer Inhaftierung durch Suizid.[7]


[1] Vgl. Max-Planck-Institut für Eisenforschung: 10 Jahre Eisenforschung 1945-1954, Düsseldorf 1955, S. 5 u. Flachowsky, Sören: Von der Wagenburg der Autarkie zu transnationaler Zusammenarbeit. Der Verein Deutscher Eisenhüttenleute und das KWI/MPI für Eisenforschung 1917-2009; in: Maier, Helmut; Zilt, Andreas; Rasch, Manfred (Hrsg.): 150 Jahre Stahlinstitut VDEh 1860-2010, Essen 2010, S. 671-708, S. 688. 

[2] Max-Planck-Institut für Eisenforschung: 10 Jahre Eisenforschung, S. 5.

[3] Darin wurde er u. a. folgendermaßen beurteilt: „fachlich als äußerst tüchtig bewertet, weltanschaulich ohne Fehl, für die Menschenführung prädestiniert, weder in politischer noch in charakterlicher Hinsicht ist Nachteiliges über ihn bekannt“, zitiert nach Hachtmann, Rüdiger: Wissenschaftsmanagement im „Dritten Reich“, Bd 2, Göttingen 2007, S. 786, 1022.

[4] Max-Planck-Institut für Eisenforschung: 10 Jahre Eisenforschung, S. 7 u. Flachowsky: Von der Wagenburg der Autarkie zu transnationaler Zusammenarbeit, S.  689.

[5] Kaiser-Wilhelm-Institut für Eisenforschung: Arbeitsbericht für das Jahr 1943, undatiert (April 1944), BA, R 4901/11030, Bl. 176 ff. ; nach: Strebel, Bernhard; Wagner, Jens-Christian: Zwangsarbeit für Forschungseinrichtungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1939-1945. Ein Überblick. (Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“), Berlin 2003, S. 38 u. 42.    

[6] Zitiert nach: Flachowsky, Sören: „Alle Arbeit des Instituts dient mit leidenschaftlicher Hingabe der deutschen Rüstung“. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Eisenforschung als interinstitutionelle Schnittstelle kriegsrelevanter Wissensproduktion 1917-1945; in: Maier, Helmut: Gemeinschaftsforschung, Bevollmächtigte und der Wissenstransfer : die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im System kriegsrelevanter Forschung des Nationalsozialismus, Göttingen 2007, S. 153-214, S. 199.

[7] Flachowsky: Von der Wagenburg der Autarkie zu transnationaler Zusammenarbeit, S. 689f.

 
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